Länderfokus: Portugal Country Focus: Portugal

Specials
Specials

Ihr kennt den Weg – Portugiesischer Kurzfilm als Erlebnisreise
Kuratiert von Margarida Moz

Die Erfahrung beim Anschauen von Filmen sollte uns in fremde Welten reisen lassen, reale und fiktive – eine Sinneserkundung über Bild und Ton. Das Sehen allein reicht nicht aus, Filme müssen erfühlt werden, um sinnerfüllt zu sein. Hier ist die Flu y Filter Bubble ein Pluspunkt: Süße, herzerwärmende Bilder von Katzen und Kätzchen in sozialen Medien erscha en eine unwider- stehliche parallele Realität – allerdings darf man fragen: Warum nicht trotzdem ein Risiko eingehen?
Die vor vier Jahren gegründete portugiesische Filmagentur Portugal Films hat sich von Anfang an dazu entschlossen, mit den Filmen – ob kurz oder lang – die sie repräsentiert, Risiken einzugehen. Ausgehend vom portugiesischen Kino und dessen Kultfilmemachern wurden mit der Präsentation neuer Autoren, neuer Genres und mutiger Hybrid-Vorstöße junger Regisseure im Kinosektor die Grenzen gedehnt. Unser Ziel war es, von Beginn an der Welt zu zeigen, dass es eine Generation junger portugiesischer Regisseure gibt, die etwas zu sagen haben. Und so wählten wir jedes Jahr eine kleine Anzahl an Filmen aus, die dies unter Beweis stellen konnten.
Das hier gezeigte Programm wie auch die drei Kurzfilme, die im Internationalen Wettbewerb des Stuttgarter Filmwinters laufen – alle repräsentiert von Portugal Film – sind beispielhaft für die Auswahl und den Weg, den wir von Beginn an eingeschlagen haben. „A Caça Revoluções“, ein Kurzfilm von Margarida Rêgo, war der erste Film, den wir reprä- sentierten – ein Studentenfilm (The Royal College of Art), der durch die Bilder und ihre Manipulationen die Geschichte der portugiesischen Revolution erzählt, mit den Augen einer Person, die zu jung ist, um sie miterlebt zu haben, und die dennoch deren Geist mithilfe der Erinne- rungen einer älteren Person einzufangen versucht. Der 11-minütige Film wurde einen Monat nach seiner Premiere bei IndieLisboa– International Independent Film Festival für das Programm „Quin- zaine des Réalisateurs“ in Cannes ausgewählt und seither bei mehr als 30 internationalen Festivals gezeigt. Das erste Risiko erwies sich also als Erfolg!
Die Filme dieses Programms zeigen auf verschiedene Weise die Idee, Risiken auf sich zu nehmen und einen Schritt weiterzugehen. „Aula de Condução“ von André Santos und Marco Leão, war der erste Film, den wir von diesen beiden Regisseuren auswählten, die schon immer zusammengearbeitet haben und die für ihre eigenwilligen Bilder und ihre Obses- sion für nicht-narrativen Erzählstränge bekannt sind. Obwohl keiner von beiden eine Filmschule besucht hat – in Portugal der gängige Weg ins Filmbusiness – fan- den ihre Qualitäten in breiten Kreisen Anerkennung und der Film wurde auf bedeutenden internationalen Filmfestivals gezeigt. Der folgende Film des Duos, „Pedro“ – zu sehen im diesjährigen Wettbewerb, war der erste portugiesische Kurzfilm, der für den Wettbewerb des Sundance Film Festival ausgewählt wurde und der damit einen Kurswechsel und neue Chancen für die Regisseure ermöglicht hat.
Die nächsten Filme, „Freud und Friends“ von Gabriel Abrantes und „L’Oiseau de la Nuit“ von Marie Losier, der am Schluss des Programms gezeigt wird, hatten beide ihre Premiere bei
der Berlinale (im Wettbewerb und im Forum Expanded) und sind die Kurzfilme, die als Arbeiten zum 10-jährigen Beste- hen von IndieLisboa – International Film Festival in Auftrag gegeben wurden.
Aus diesem Anlass hatte das Festival vier Regisseure, die bei den vorigen Festivals ausgezeichnet worden waren, eingela- den, ihre Erlebnisse in Lissabon zu filmen. Beide Filme zeigen, dass die Stadt jenseits der üblichen Schauwerte und auch jenseits des Verstandes erfahrbar gemacht werden kann. Während Gabriel Abrantes sich entschied, ein verrücktes und heiteres wissenschaftliches Experi- ment zu zeigen, bei dem Werner Herzog (Pardon, Herner Werzog) in das Gehirn eines jungen Mannes implantiert wird und er Fischgesänge in einen Gospel- Chor vernimmt, sieht Marie Losier queere Meerjungfrauen an einem Fluss und menschliche Tiere im Dschungel, die zur Musik von Alan Vega tanzen.
In der Mitte des Programms zeigen wir den 5-minütigen Animationsfilm „Limoeiro“ von Joana Silva (ebenfalls aus der Schmiede des Royal College of Art), der sich mit Erinnerung und der Körper- haftigkeit verlassener Orte beschäftigt, und „Despedida“ von Tiago Rosa-Rosso, einem Regisseur, der Performance auf filmische Weise und mit wenig techni- schen Mitteln wiedergibt; er lädt uns ein, beim Sonnenuntergang den Atem anzuhalten, während wir auf den letzten Tauchgang des Tages bzw. des Sommers warten.
Das 90-minütige Programm will die Zuschauer auf eine Erlebnisreise durch die Filmwelt mitnehmen, durch das portugiesische Kino jenseits des Üblichen, durch Kurzfilme, die als das gesehen werden können, was sie sind: Filme. Das Erlebnis sollte ablaufen wie in dem Lied „Cuts You Up” von Peter Murphy: „You know the way/It throws about/It takes you in/And spits you out”. Wir ho en, es fühlt sich danach für euch an, als hättet ihr etwas erlebt.

Filmwinter-Palais – Saal Pipilotti

Filmwinter-Palais

Konrad-Adenauer-Straße 2, 70173 Stuttgart

U-Bahn, Bus: Haltestelle Charlottenplatz

The Revolution Hunter

Portugal/Großbritannien, 11:00 Min.
Regie: Margarida Rêgo

Alles begann mit einem Foto, das 1974 in Lissabon kurz nach der portugiesischen Revolution aufgenommen wurde. Die Jägerin der Revolution versucht, in das Bild einzutauchen wie in eine Zeit, in die sie nicht gehört, um zu verstehen, was es bedeutet, Teil einer Revolution zu sein und für sein Land zu kämpfen.

Driving lessons

Portugal 2015, 17:00 MIn.
Regie: André Santos, Marco Leão

Während ein Teenager Fahrstunden bekommt, führt eine ältere Dame ihren Hund im Wald Gassi. Abends wird ihr klar, dass es zum Handeln noch nicht zu spät ist.

Freud und friends

Portugal/Schweiz 2015, 23:00 Min.
Regie: Gabriel Abrantes

Mithilfe der begabtesten Neurowissen- schaftler reist „Herner Werzog“ ins Gehirn von Künstlern und Filmemachern aus
der ganzen Welt und dokumentiert ihre Träume. In Lissabon wird der junge Regisseur Gabriel Abrantes sein Opfer sein.

Limoeiro

Portugal/Großbritannien 2016, 5:00 Min.
Regie: Joana Silva

Ein Film über eine fiktive Figur, deren Körper aus Erinnerungen zusammengesetzt ist, die in einen verlassenen Raum eingebettet wurden.

Farewell
Despedida

Portugal 2015, 14:00 Min.
Regie: Tiago Rosa-Rosso

Drei Freunde am Strand. Der letzte Sommertag, der Mond geht auf. Einer von ihnen beschließt, den Atem an- zuhalten bis der Mond vollständig über dem Horizont zu sehen ist.

L’oiseau de la nuit

Portugal, Frankreich 2015, 20:00 Min.
Regie: Marie Losier

Das rätselhafte Portrait von Fernando, alias Deborah Krystal, der schimmernden und poetischen Performerin des Lissabonner Clubs Finalmente, Unter ihren farbenfrohen Gewändern werden ihre vielen Hautschichten sichtbar, die so Lissabonner Legenden zum Leben erwecken und uns mitnehmen zu den Sehnsüchten und Träumen von Metamorphosen und Mythen.