Wir lagern ums Feuer, Performance, Dauer: 40 Min.

Mit Jürgen Reble und Jochen Müller

19. Dezember 1987: Schmelzdahin produziert Filmstreifen auf dem 1. Stuttgarter Filmwinter in Hinterzimmer der Kneipe Casino. Das Kurzfilmprogramm nennt sich „Hell und Dunkel“, (Super 8). Mit von der Partie sind an dem Abend Michael Brynntrup, Matthias Müller, Hanna Nordholt und Fritz Steingrobe, Anarchistische Gummizelle, Inga Sawade sowie der Festivalgründer Ebi Niethammer.

300 Jahre später haben wir Schmelzdahin zu einer Jubiläumsperformance eingeladen. Außerdem zeigen wir eine Werkschau mit digitalrestaurierten Werken.

Weniger als Performancegruppe denn als reines Filmproduktionskollektiv sind Schmelzdahin aus Bonn zu verstehen, wenngleich es bei der Gruppe durchaus zu öffentlichen Filmaktionen kam. Im Laufe ihrer sechsjährigen gemeinsamen Filmproduktion von 1983–1989 legten sich die Mitglieder Jochen Lempert, Jürgen Reble und Jochen Müller ein umfangreiches Archiv von gefundenem, gekauftem oder selbst gedrehtem Filmmaterial zu. Die Grundidee ihrer Arbeit bestand nicht nur darin, einzelne Filmsequenzen neu zu kombinieren, um ein weites Feld von Assoziationen und Korrelationen zu erzeugen. Wichtiger Aspekt war die verschiedenartige und außergewöhnliche Behandlung des Materials. Monatelang lagen bestimmte Filmstreifen in einem Teich, bis sich Algen am Material anlagerten. Bakterien griffen die Filmschicht während der Lagerung in einem Garten an. Die „Filmernte“ wurde anschließend gesäubert und getrocknet und auf einer selbst gebauten Maschine kopiert. Die zufälligen Ergebnisse des Zersetzungsprozesses wurden nach ästhetischen Kriterien genau studiert, bis es zur endgültigen Selektion der Filmstreifen für die jeweiligen Produktionen kam. In der kaum berechenbaren biochemischen Transformation des Filmmaterials entdeckten die Filmforscher das „Naturwunder Zelluloid“. Beim Wiederabfilmen wurden durch die Überhitzung des Materials ebenso neue visuelle Dimensionen von Film hervo­rgerufen, die von Farbveränderungen bis zur Blasenbildung reichten. Nicht selten löste die Poesie der brüchigen Bilder bei Filmkritikern Befremdung aus:
„Sie versetzen den Rezipienten lediglich in zusammenhangslose Stimmungsmomente, die keine Grundlage für Denkstrukturen zurücklassen. Dazu löst sich die Filmtechnik von allen Konventionen: Streckenweise sind auf der Leinwand nur verschmierte Farben oder Schatten zu erkennen, bemängelten Filmkenner. [...] Über die reinen Filmproduktionen hinausgehend, kam es häufig zu öffentlichen, performanceartigen Präsentationen ihres speziellen Filmhandwerks. Den Ablauf und die ästhetischen Möglichkeiten einer derartigen Filmperformance beschreibt Klaus Peter Karger in der Badischen Zeitung wie folgt: ‚Es hat etwas Geheimnisvolles an sich. Auf dem Tischchen vor der Leinwand ist der Super-8-Projektor aufgebaut, ein altes Gerät, dem anzusehen ist, was es schon alles mitgemacht hat. Zu einer wenige Meter langen Endlosschleife zusammengeklebt ein Stück aus einem Schwarzweißfilm, ein deutscher Western, einst für den Heimgebrauch vom Kinoformat auf Super 8 kopiert, als es noch kein Video gab. Der Film wird über einen Kleiderbügel und mehrere Drahtösen so umgelenkt, daß die gleichen Bilder wieder und wieder durch den Projektor laufen. Flackernde Kerzen erhellen den Tisch gerade soweit, daß die beiden Alchimisten von der Bonner Experimentalfilmgruppe Schmelzdahin das Material simultan zur Vorführung bearbeiten können. Es dampft, wenn sie Salzsäure auftragen. Der Film wird durch zersetzende Lösungen gezogen, zerkratzt, mit einer Lochzange gestanzt, mit Lasurfarben behandelt. Ständig verändern sich die Bilder auf der Leinwand, kein Durchlauf ist mehr so wie der vorher gesehene. Das schwarzweiße Bild bekommt braungelbliche Patina, wird dann glutrot, vom rechten Rand läuft eine Spur blau hinein. Unter der Einwirkung der Chemikalien und der Hitze der Projektionsbirne zerfallen die Bilder mehr und mehr, bis nur noch eitrige, blubbernde Blasen auf der Leinwand zu sehen sind. Das latente Filmbild, einst mit Entwickler und Fixierbad überhaupt sichtbar gemacht, wird hier mittels Chemikalien wieder zum Verschwimmen gebracht.‘“ (Ulrich Wegenast, Der Experimentalfilm im deutschsprachigen Raum 1977 bis heute, Stuttgart 1996)

FITZ! Zentrum für Figurentheater, Studio, Theater tri-bühne

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