Der Künstler als Fiktion
Kunstpersiflage und andere große Ideen

Kuratiert und präsentiert von Jonathan Pouthier

Die Kunstgeschichte liebt Geschichten. Jahrhundertelang spiegelte sich die Vorstellung von einem Künstler in dem irrationalen Bedürfnis wider, eine einzigartige, heroische Figur zu sein. Indem die hier gezeigten Künstler und Filmemacher ihre Rollen in einer Fiktion, die sie nicht kontrollieren können, negieren, durchkreuzen sie die gesammelten Gemeinplätze, die ihnen zugeschrieben wurden.

So werden die Charakterzüge der gequälten Künstlerfigur auf übertriebene Weise dargestellt, die Kunstwelt mitsamt ihren Regeln verspottet und in absurde Elemente einer existenziellen Komödie verwandelt wie z.B. in DUFUS (1970–73) des kalifornischen Künstlers Mike Henderson. Der Maler, allein in seinem Atelier, tritt verschiedene Male durch eine Tür – jeweils unterschiedliche Charaktere darstellend, die in der Folge alle ihren künstlerischen Beitrag auf einer vorbereiteten Leinwand leisten. Henderson entwickelt eine Reihe von Künstlerklischees (vom romantischen bis hin zum engagierten) und lässt dabei mit maximaler Ironie alle dieser Kategorisierungen und Ausnahmen aufeinander los.

Rudolph Burckhardt (ein Schweizer Fotograf, der durch seine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Surrealismus-Künstler Joseph Cornell bekannt wurde) war kein Anhänger der Theorie, dass ein kreativer Prozess allein durch einen psychologischen Blickwinkel möglich ist. Sein Film Mounting Tension (1950) ist eine spielerische Satire, in der der Beat-Poet Larry Rivers einen energetischen und sexhungrigen Künstler darstellt, der weder mit der Liebe noch seiner Kunst Glück hat. Der Film wurde in Manhattan gedreht und zeigt auf burleske Art die Gemeinplätze in der Welt der Kunst – die, eine nach der anderen, bald ihren Platz in der Geschichte der modernen Kunst einnehmen werden.

Während bei Burckhardt der Besuch im MOMA mit Baseballmütze stattfindet, zeigt der amerikanische strukturalistische Filmemacher Owen Land (alias George Landow) den Niedergang des amerikanischen Avantgarde-Kinos Ende der 1970er Jahre mithilfe einer Schere. Er schneidet durch die jüngste Geschichte einer Szene, die in der Kunstwelt viel Anerkennung erhielt; in seinem Film Undesirables (Work in Progress), den er in den 70ern begonnen und 1999 fertiggestellt hat – türmt er eine Abfolge von fiktionalen und realen Elementen aufeinander und spiegelt dabei ein rastloses „Millieu“ wider, das nur auf sich selbst bezogen ist – von internen Debatten erschöpft und unfähig, neue Formen zu produzieren. Er inszeniert ein Selbstporträt als Teil dieser Gemeinschaft und dekonstruiert dabei eine Underground-Szene, in der die Protagonisten – von Stanton Verbeek bis hin zu Carl Shitars – alle nolens volens eine Rolle in einem vergnügten und obsessiven Vaudeville-Stück spielen.

Der irische Konzeptkünstler Les Levine wiederum hinterfragt seine Position in Bezug auf seine Umgebung. Seine Performance I am an artist (1975), die während eines Spaziergangs in der New Yorker Bowery gedreht wurde, richtet sich offen gegen die Kunstwelt und diejenigen, die glauben Künstler sein zu können, ohne die politische und soziale Realität einzubeziehen. Von seinem Slogan I am an artist who doesn’t want to be involved (Ich bin ein Künstler, der nicht involviert sein will), der in einem der ärmsten Stadtteile New Yorks wiederholt geäußert wird, bis hin zu den Erklärungen eines jungen Mannes, der „I am the best artist“ („Ich bin der beste Künstler“) im gentrifizierten Soho an eine Wand gemalt hat und von dem argentinischen Konzeptkünstler Jaime Davidovich interviewt wird – ein Künstler zu sein, ist am Ende nicht mehr als eine Selbstbestätigung. „Dr Videovich“ (der von 1979 bis 1984 The Live! Show bei einem Kabelfernsehsender in Manhattan produzierte) widmet die April-Episode von 1982 einem wahnsinnigen Künstler, der sich mit Leonardo da Vinci vergleicht und – im Gegensatz zu den Leuten, die behaupten, alles sei Kunst – denkt, nichts ist Kunst.

Haus der Geschichte, Otto-Borst-Saal

Konrad-Adenauer-Straße 16, 70173 Stuttgart

U-Bahn / Bus: Haltestelle Staatsgalerie, Haltestelle Charlottenplatz (Zugang überUrbanstraße)

Mounting Tension

USA 1950, 16mm, S/W, 20:00 Min.
Regie: Rudolph Burckhardt

Larry ist ein extrem energetischer, sexgeiler Künstler. Jane, die eine Kombination aus Handlesen und Psychoanalyse praktiziert, versucht, ihn wieder in die Spur zu kriegen. Der junge John interessiert sich für Baseball und ist ein ganz normaler Typ, wird aber am Ende zum abstrakten Maler.

Dufus

USA 1970–1973, 16mm, S/W, 6:00 Min.
Regie: Mike Henderson

Eine Gruppe buntgemischter Charaktere äußert ihre Gedanken zu der Frage, was im Leben am wichtigsten ist.

I am an artist

USA 1975, Super 8 mm (digital),
Farbe, 15:00 Min.
Regie: Les Levine

Während eines Spaziergangs in der New Yorker Bowery erklärt der Künstler, warum er sich nicht mit gesellschaftlichen Problemen befassen will.

The Best Artist

USA 1982, Video, Farbe, 6:00 Min.
Regie: Jaime Davidovich

In dieser Episode von The Live! Show befragt Dr. Videovich den „besten Künstler“, dessen riesige Wandmalerei in New York verkündet „Ich bin der beste Künstler“. Das Interview zwischen Davidovich‘s Alter Ego und dem selbsternannten besten Künstler greift Themen wie die Natur des Kunstschaffens, Ratschläge für junge Künstler und das Anpreisen von Kunst auf.

Undesirables (Condensed Version)

USA 1999, 16 mm/Video, S/W,
15:00 Min.
Regie: Owen Land

Der Film ist eine Collage von Szenen aus einem Langfilm, den Land in den 90er Jahren zu drehen begann, aber nie fertig stellte. Thema ist die ehemalige Avantgarde Film-Szene, in der Land seinerzeit sein Debüt machte.