32. Stuttgarter Filmwinter — Festival for Expanded Media

A new Kind of Seeing: Hommage an die Film and Foto-Ausstellung, 1929
Fokus Wake me Up
Kinder- und Jugendprogramm
FITZ! Cinema

Eberhardstraße 61
Kulturareal „Unterm Turm“
70173 Stuttgart

U-/ S-Bahn / Bus: Stadtmitte / Rotebühlplatz / Wilhelmsbau

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70173 Stuttgart

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Einführung: Thomas Tode, Hamburg

Im Sommer 1929 fand in Stuttgart die traditionszertrümmernde Werkbundausstellung „Film und Foto“ statt. Die Kamera zeigte sich als Schlüssel einer erweiterten Wahrnehmung und Vermittler neuer Betrachtungsweisen. Neue Sachlichkeit und Neues Sehen wurden in fotografischen und filmischen Experimenten zum Inbegriff avantgardistischer Produktion. Erstmals wurde die zentrale Rolle des Films für das 20. Jahrhundert erkannt und manifestiert. Die Fotoauswahl im deutschen Raum tätigte der Bauhausprofessor László Moholy-Nagy, im Russischen Raum hängte El Lissitzky die Fotos in offene, an Filmstreifen erinnernde Rahmen und ließ direkt neben ihnen Filmausschnitte sowjetischer Klassiker in Dauerschleife auf Tageslichtprojektoren laufen. Die gleichberechtigte Präsentation beider Medien nebeneinander war hier erstmals in einem modernen Dispositiv realisiert. Ein von Hans Richter zusammengestelltes Filmprogramm mit 15 Sondervorführungen lief im Stuttgarter Königsbau Kino. Ausstellung und Filme wurden weltweit nachgespielt, in Zürich, Berlin, Danzig, Wien, Agram, München, Tokio und Osaka. Man wusste nun, dass es neben der Filmindustrie auch etwas anderes gab. Der Film war hier als Kunstform wahrgenommen worden. Zum 90. Jubiläum eine Auswahl damaliger Kurzfilme.

Opus II-IV

Walter Ruttmann
Deutschland 1922-25, 12:00 Min.

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In Walter Ruttmanns farbrestaurierter Trilogie Opus II-IV gleiten kegelartig gewölbte Formen hin und her, tänzeln vertikale Rechtecke, Striche und Wellen über die Fläche, sich vergrößernd oder verkleinernd, öffnen und schließen sich zebraartige Jalousien, dazu bestimmt, sich gegenseitig auszulöschen. Musik: Hanns Eisler. An Opus III und IV arbeitete die Bauhäuslerin Lore Leudesdorff mit.

Entr'acte

René Clair
Frankreich 1924, 22:00 Min.

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In dem dadaistischen Pausenfüller Entr’acte zerlegen sich die Bilder, laufen rückwärts oder tänzeln in Zeitlupe dahin: Ein feierlicher Leichenzug, angeführt von einem Kamel, beschleunigt immer mehr, so dass die Trauergäste rasen müssen, um mitzuhalten. Musik: Eric Satie. „Entr’acte“ heißt Zwischenspiel und war als filmische Unterbrechung für das 1924 aufgeführte Dada-Ballett Relâche gedacht.

Kipho

Guido Seeber
Deutschland 1925, 6:00 Min.

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Der Film wirbt für die „Kino und Photo Ausstellung“ in Berlin, indem er trickreich den Prozess der Erstellung eines Films mit der Thematik „Mensch und Maschine“ verbindet. Mit Hilfe von Found Footage und ausgefeilten Tricktechniken (u.a. Splitscreen und Mehrfachbelichtungen) demonstriert er uns die Entstehung der Filmkunst, von der „Wundertrommel“, über sich losreißende Filmrollen zur Kopiermaschine.

Jeux des reflets et de la vitesse

Henri Chomette
Frankreich 1923/25, 9:00 Min.

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In dem Film rast die Kamera in der Pariser Metro aus dem Untergrund auf eine Seine-Brücke, springt auf ein Boot über und wirbelt auf der Achterbahn der Kirmes: Es lebe die Faszination der Bewegung.

Regen

Joris Ivens, Mannus Franken
Niederlande 1929, 12:00 Min.

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Der Film spürt den visuellen Erscheinungen eines Regengusses in der Stadt nach, während Hanns Eislers feinsinnige Musik die Regenkadenz auf unzählige Arten imitiert. Die Poesie entsteht ohne Narration und Psychologie, sondern – beinahe wie ein abstrakter Film – allein einer Dramaturgie der Natur gehorchend: Sonne, Wind, erste Tropfen, aufgepeitschtes Wasser, Wirbel, Dauerregen, die Rückkehr der Sonne.

Anémic Cinéma

Marcel Duchamp
Frankreich 1925/26, 9:00 Min.

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Der Film ist ein radikales Kinoexperiment. Der Titel ist ein Anagramm, d.h. die Buchstaben des ersten Wortes Anémic ergeben umgestellt das zweite Wort Cinéma mit anderem Sinn. Der „blutarme Film“ besteht aus neun mit spiralförmigen Texten versehenen Scheiben und zehn optischen Spiralen, die Duchamp hypnotisch kreisen lässt: Die Fläche der Leinwand kontrastiert mit der illusionistischen Tiefe der Spiralen.

Ballet Mécanique

Fernand Léger, Dudley Murphy
Frankreich 1924, 14:00 Min.

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Der Film operiert im Wesentlichen mit industriell gefertigten Maschinenteilen und Gegenständen in rhythmischen Bewegungen, behandelt selbst menschliche Körper wie Objekte und choreografiert sie zu einem großen mechanischen Ballett. Vertont von George Antheil mit Sirenen, Klingeln, Flugzeugpropellern und 16 synchronisierten Musikautomaten, die in so extremer Geschwindigkeit spielen, wie sie kein menschliches Wesen hervorbringen kann.